Hitze und Kühle in Südfrankreich

 „Elle est froide. Elle est bonne.“ Wenn du einer Badestelle im Hochsommer im Süden Frankreichs ein Kompliment machen möchtest, dann sagst du „Sie ist kalt“. (Das Wasser ist féminin). Der plan d’eau Le Mouretou hört das einige Male am Tag. Mehr Kompliment geht nicht.

Als würde sich die ganze Frische des Bergs hier im Tal an dieser Stelle ausgießen. 

Ich saß lange am Hang und beobachtete die Grüppchen von Menschen, die sich an unterschiedlichen Stellen im Wasser und gegenüber am Picknick- und Fitnessplatz aufhalten. Manche essen, manche schaukeln, oben am Parkplatz unter den Bäumen wird, umrahmt von Autos, Pétanque gespielt. Die Grillen zirpen laut, fast mechanisch wie eine elektrische Starkstromleitung surrt. Vor allem wird viel gelacht und getratscht hier am plan d“eau, wo der Fluss L’Hérault künstlich aufgestaut wird, so daß man ihn auf 30 Meter Länge und bis zu 1,5 Meter Tiefe durchschwimmen kann, während wenige Meter oberhalb im Flussverlauf alles wie ein kleines Bächlein anmutet, wo sich das Wasser an zahlreichen Steinen vorbeischlängelt.

Ich hantle mich barfüßig und ohne Brille, also mit etwas verschwommener Perspektive den trockenen, ockerfarbenen Abhang hinunter und gehe über den großen, rauhen Stein – die Einstiegstelle in das Wasser. Es fühlt sich anders an. Ein Zustand, in den ich mich verzückt vortaste, weil es sich erfrischender anfühlt als der ganze, lange Tag, der heiß und drückend war. Die Hitze ließ uns den Großteil ab 11 Uhr, als der ganze Garten von der Sonne erfasst war, nur die Wahl uns in das abgeschlossene Innere des Steinhauses zurückzuziehen. Jetzt kann ich diesen Zwang endlich hinter mir lassen. Die Umstände des Tages, die unsere Körper zu langsamen, Schattensuchenden, im Schritt gehenden Wesen deformieren und uns zu Kopftätigkeiten zwingen.

Ich mache zwei Schritte und schaufle mit den Händen das Wasser über meinen Oberkörper. Nach wenigen Sekunden, ich bin die abrupte Kälte schon gewohnt,  lasse ich mich mit dem Ausatmen in das Wasser gleiten.

Im Wasser überhole ich die Wasserläufer, die es auf der Oberfläche immer schaffen, meinen Brust-Schwimm -Bewegungen auszuweichen. Die Libellen flirren Ellipsen-artig wie Eiskunstläufer- elegant aber plötzlich die Richtung ihrer Kür ändernd – und bewegen sich im Zickzack über die Wasseroberfläche. Aus der  Höhe stoßen die Mauersegler in das Tal hinunter, um im Sturzflug nach Insekten zu jagen, ohne jemals aufzuprallen, abzustürzen, überhaupt nass zu werden.  Und mitten darin ich. 

Ich habe lange gewartet. Gewartet, dass die große Badewanne des Dorfes entleert ist. Menschenleer. Die Jungen, die sich von den Ästen der umstehenden Bäume ins Wasser fallen lassen, so geschickt und so frech furchtlos wie Affen auf Telefonleitungen in Indien balancieren, sind schon mit ihren Rädern nach Hause zum Abendessen gefahren. Die Kleinkinder in ihren Ruderbooten, Reifen, stets aufgeschreckt kreischend, schlafen schon. Machen kein Pippi mehr ins Wasser, werfen keine Steine mehr.

Ich liebe den leichten Algengeruch und wenn ich meinen Blick auf den Grund senke, sehe ich die Steine, über deren Landschaft ich wie ein Segelflugzeug über das Gebirge, vorbei gleite.

Mit mir ist nur eine weitere Frau, die parallel aber in die andere Richtung schwimmt. Unsere Blicke begegnen sich vorerst nicht, jede schwimmt vor sich hin. Eine wunderschöne Frau in ihren Vierzigern. Wir schwimmen etwa das gleiche, langsame Tempo, das eher kontemplativ als sportlich gemeint ist. Nach der dritten Länge fällt mir auf, dass sie lächelt. Bei Runde 7 grüßen wir uns. „Bon soir.“ Erkennen, dass wir uns das Wasser teilen. Ich sage „C’est magique.“ „C’est le meilleur temps,“ antwortet sie. Mehr reden wir nicht. Unsere gleichzeitigen Wellenbewegungen im Accord sind Austausch und stille Übereinstimmung genug. In Runde 8 tauche ich unter. Die Geräusche verändern sich und werden stumpf und von einer großen Masse übertüncht. Ich fühle mich wie ein Fisch. Eine große Wälin vielleicht. Ich spüre nur mehr die Schallwellen, die aus unterschiedlichen Richtungen als Widerstände auf meinen Körper eintreffen, und die im Gleichklang sind oder Unruhe auslösen (Kinder, die beginnen ins Wasser zu springen).

Elle est froide. Je me suis rafraîchie. Mon corps s’est étale dans l’eau comme le beurre sur une tartine. Ausgestreckt, eingetaucht, abgestreift, fühle ich mich erfrischt und auf die annhehmlichste Art und Weise vorbereitet für die Nacht und aufgetankt für den folgenden Tag.  

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